Kanal-TV-Protokoll verstehen: Codes, Zustandsklassen und was daraus folgt
Nach einer Kamerainspektion halten viele Eigentümer einen Bericht in der Hand, der aussieht wie ein Datenblatt: Meterangaben, Buchstabenkürzel, Uhrzeiten und Zahlen. Dabei steckt darin genau die Information, die Sie für die nächste Entscheidung brauchen – ob eine Reinigung reicht, ob repariert werden muss oder ob eine Sanierung ansteht. Hier erfahren Sie, wie so ein Protokoll aufgebaut ist und wie Sie es lesen.

Das Wichtigste in Kürze
- Jede Beobachtung im Protokoll hat eine Position (Meter ab Startpunkt), einen Code nach DIN EN 13508-2 und oft eine Uhrzeitlage im Rohr.
- Codes mit BA beschreiben bauliche Schäden wie Risse oder Versätze, Codes mit BB betriebliche Störungen wie Ablagerungen oder Wurzeln.
- Betriebliche Mängel lassen sich meist durch Spülen beheben, bauliche Mängel nur durch Reparatur oder Sanierung.
- Die Zustandsklasse zeigt die Dringlichkeit: Je niedriger die Zahl, desto schneller sollten Sie handeln.
Aufbau eines Inspektionsberichts
Ein vollständiger Bericht besteht meist aus drei Teilen:
- Stammdaten: Adresse, Datum, untersuchter Leitungsabschnitt mit Start- und Endpunkt (etwa vom Revisionsschacht bis zur Fallleitung im Keller), Fließrichtung, Rohrmaterial, Nennweite (zum Beispiel DN 150) und Profil.
- Beobachtungen: eine Liste aller Auffälligkeiten mit Position, Code, Beschreibung und Foto.
- Video und Skizze: die vollständige Aufnahme der Befahrung, oft ergänzt um eine Lageskizze des Leitungsverlaufs.
Wichtig ist der Startpunkt: Alle Meterangaben beziehen sich darauf. „Station 7,40 m“ bedeutet, dass die Beobachtung 7,40 Meter vom Startpunkt entfernt liegt. Mit dieser Angabe kann ein Techniker die Stelle später von oben orten – etwa für eine gezielte Reparatur statt einer großen Baugrube.
Die Uhrzeitlage: wo im Rohr der Schaden sitzt
Viele Beobachtungen haben zusätzlich eine Uhrzeitangabe. Man stellt sich dabei den Rohrquerschnitt als Zifferblatt vor, in Fließrichtung gesehen:
- 12 Uhr ist der Rohrscheitel, also oben.
- 6 Uhr ist die Rohrsohle, also unten, wo das Wasser fließt.
- 3 und 9 Uhr sind die Seiten.
Ein Riss „von 11 bis 1 Uhr“ verläuft also oben im Rohr. Ablagerungen sitzen fast immer bei 5 bis 7 Uhr, Wurzeln dringen dagegen häufig seitlich oder von oben an den Muffen ein.
Die Codes nach DIN EN 13508-2
Die Kürzel folgen der europäischen Norm DIN EN 13508-2. Bei Leitungen und Kanälen beginnt jeder Code mit B, bei Schächten mit D. Der zweite Buchstabe ordnet die Beobachtung einer Gruppe zu:
| Gruppe | Bedeutung | Typische Folge |
|---|---|---|
| BA… | baulicher Zustand (Schäden am Rohr selbst) | Reparatur oder Sanierung |
| BB… | betrieblicher Zustand (Störungen im Rohr) | Reinigung, teils Reparatur |
| BC… | Bestandsaufnahme (Abzweige, Bögen, Querschnittswechsel) | keine – reine Information |
| BD… | sonstige Angaben (Start, Ende, Abbruch, Anmerkungen) | keine – reine Information |
Die häufigsten Codes in Hausanschlussleitungen:
| Code | Beschreibung |
|---|---|
| BAA | Verformung des Rohrs |
| BAB | Riss |
| BAC | Rohrbruch oder Einsturz |
| BAF | Oberflächenschaden, etwa Korrosion |
| BAG | einragender Anschluss |
| BAH | schadhafter Anschluss |
| BAI | einragendes Dichtungsmaterial |
| BAJ | verschobene Rohrverbindung (Versatz) |
| BBA | Wurzeln |
| BBB | anhaftende Stoffe, zum Beispiel Fett |
| BBC | Ablagerungen wie Sand oder Kies |
| BBF | Infiltration (Grundwasser dringt ein) |
Ein dritter Buchstabe und Zusatzangaben beschreiben die Beobachtung genauer, zum Beispiel ob ein Riss längs oder quer verläuft oder wie viel Prozent des Querschnitts verlegt sind.
Zustandsklassen: wie dringend ist es?
Viele Berichte fassen die Beobachtungen zusätzlich in Zustandsklassen zusammen. Verbreitet ist die Einteilung nach dem Merkblatt DWA-M 149-3 mit den Klassen 0 bis 5:
| Klasse | Bedeutung | Handlungsbedarf |
|---|---|---|
| 0 | sehr starker Mangel | sofort |
| 1 | starker Mangel | kurzfristig |
| 2 | mittlerer Mangel | mittelfristig |
| 3 | leichter Mangel | langfristig |
| 4 | geringfügiger Mangel | kein unmittelbarer |
| 5 | kein Mangel | keiner |
> Achtung: Ältere Berichte nutzen teils andere Skalen, bei denen die Zahlen anders herum laufen. Achten Sie darauf, welches Regelwerk im Bericht genannt ist.
Was folgt aus dem Befund?
Die wichtigste Unterscheidung ist die zwischen betrieblichen und baulichen Mängeln:
- Nur BB-Codes, etwa Ablagerungen oder Fett: Hier reicht oft eine Kanalspülung mit Hochdruck. Danach sollte die Leitung frei sein; eine kurze Kontrollbefahrung bestätigt das.
- Wurzeln (BBA) an Muffen: Die Wurzeln lassen sich fräsen, kommen aber zurück, solange die Verbindung undicht ist. Dauerhaft hilft nur, die Muffe abzudichten.
- Einzelne Risse oder Versätze (BAB, BAJ): Punktuelle Schäden lassen sich häufig mit einem Kurzliner von innen reparieren, ohne aufzugraben.
- Viele Schäden auf langer Strecke oder Verformung (BAA, BAC): Dann ist eine Kanalsanierung auf ganzer Länge meist wirtschaftlicher als viele Einzelreparaturen.
Lassen Sie sich den Bericht vom Techniker erklären und fragen Sie gezielt nach, welche Beobachtung welche Maßnahme auslöst. Ein guter Bericht beantwortet diese Frage, bevor ein Angebot geschrieben wird.
Wann eine Inspektion sinnvoll ist
- vor dem Kauf eines älteren Hauses
- bei wiederkehrenden Verstopfungen oder Kanalgeruch
- vor einer geplanten Sanierung, um den Umfang festzulegen
- nach Bauarbeiten in der Nähe der Leitung
- wenn die Gemeinde einen Nachweis über den Zustand verlangt
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